
Radio kann viel bewegen
Samstagmorgen. Der Himmel ist düster, es gießt in Strömen. Hört gar nicht mehr auf zu regnen. Meine Stimmung ist auf
dem Nullpunkt. Ich bin tierisch schlecht gelaunt. Denke, schalt' das
Radio ein! Ein paar klasse Hits, schön laut ... doch die letzten Töne einer soften Melodie verklingen leise und da hinein
sagt eine beruhigende, unaufgeregte Stimme "Genau das richtige Tempo
um die Wäsche aufzuhängen." Was war das? Ich fange an zu grinsen,
dann muss ich lachen. Obwohl das, was die Moderatorin gesagt hat,
gar nicht zum Lachen ist. Aber die trockene Art, wie die Bemerkung
so ganz nebenbei
zu mir rüber kam, hat mich umgehauen. Meine Laune
wird schlagartig besser. Ich lache weiter, über mich selbst. Mache
das Küchenfenster auf, sehe den Regenbogen, der sich vor einer
dunklen Wolkenwand über die Häuser spannt. Ein paar Sonnenstrahlen
reißen ein Loch in den Himmel. Ich sehe alles nicht mehr so
verbissen. Fühle mich entspannter.
Radio kann viel bewegen. Immer noch. Obwohl es mittlerweile zum
Nebenbeimedium verkommen ist und oft nur noch als Hintergrundgeräusch wahrgenommen wird. Doch vor dem Mikrofon stehen
Menschen, die mit ihrer Stimme dem Dudelkasten ein Gesicht geben, ihn lebendig und fühlbar machen.
Moderatoren, die ein bisschen Sonne in das ewige Einerlei bringen,
um uns vom Alltag abzulenken. Deren banale oder auch emotionale
Botschaften positive Signale ausstrahlen. Ohne Radio - ob nun Musik
oder Wort - wären wir um einen Bezugspunkt ärmer, hätten wir nicht
"die Insel" im Raum, auf die wir uns zurückziehen können. Für ein
paar Stunden, für einen ganzen Tag oder eine lange Nacht, wo alles
still ist und Radio das Gefühl gibt nicht allein zu sein.
Radio ist heute selbstverständlich. Man schaltet ein Programm ein,
hört hin, macht mit oder lässt die Hits an sich vorbeirauschen, mal
laut - mal leise. Es erfüllt so oder so seinen Zweck. Radio kann
mitreißen und Energien freisetzen oder wie eine Droge wirken, ohne
die nichts mehr geht. Radio ist anders als Fernsehen. Auf die
bewegten Bilder könnten wir verzichten, aber nicht auf den
sprechenden und singenden Kasten, der uns tagtäglich begleitet. Radio ist mehr als nur ein
Wort, das in verschiedenen Bedeutungen für seine Macher und Hörer
daherkommt. Radio ist immer am Puls der Zeit.
Was vom Radio bleibt, ist die Erinnerung. Als wir [die Hörer] jung
waren, hatten wir nur Radio Luxemburg. Es gab nichts Besseres. Und
die erwärmende sexy voice von Camillo passte so gar nicht in unsere
wilde Sturm- und Drangzeit. An der Tür klebte ein heißes Poster von
Elvis Presley. Wir rockten "The King", kreischten, wenn Peter Kraus
das Mikrofon aus dem Ständer riss und uns mit seinem "Sugar Baby" um
den Verstand brachte. Aber der wahre König der Herzen saß in dem
kleinen Großherzogtum, das uns mit Musik und geradezu beklemmender
Freundlichkeit beschallte. Die Sprecher waren Programm! Nebenbei
haben sie Reklame gemacht für alle möglichen Dinge und für den
Sender. Zwischen jeder Platte Werbung. [Fast] niemanden hat das gestört. Denn damals war Radio
"erfrischend anders", einfach genial, atemberaubend, spannend,
fantastisch.
Atze & Co. waren "nah dran" am Hörer, sie identifizierten sich mit
dem Programm und machten ihr Publikum zu einem Teil davon. Was hatte
Radio Luxemburg - was unser jetziges Radio nicht hat? Vielleicht ein
bisschen von dem Charme des Unverwechselbaren. Der Ruf des
Einzigartigen, der ihm voraus geeilt ist. Das Besondere, ein
Pioniersender zu sein, der Rundfunkgeschichte schreibt. Ein
unvergleichliches "Original" mit revolutionärem Stil, von dem es
keine Kopie gibt. Die persönliche Ausstrahlung der Moderatoren, die
noch ihr eigener Regisseur sein konnten. Die Premiere zahlreicher
Radiostars und Showmaster. Das Produkt vieler einfallsreicher Leute
mit schöpferischem Talent und grandiosen Ideen. Radio Luxemburg war
gestern - in einer anderen Epoche. Die ist vorbei. Leider.
Zeitgemäßes Radio ist entweder
langweilig oder geil, wenn's denn richtig reinhaut. Oder gar nichts
von beidem und nur etwas, das uns am Nerv vorbeigeht. Ohne
Radiostars. Der Computer bestimmt was läuft. Fast immer und überall
im Gleichklang. Ohne Seele, ohne Herz, ohne Charme. Leider. Aber es
gibt sie noch, die leisen Zwischentöne im Radio. Die Emotionen, die
Sympathien, die Ideen, die Menschen hinter'm Mikrofon, die alles
geben. Für sich selbst und für uns; denn Radio ist ihr Leben und
macht unser Leben wertvoller.
Radio kann viel bewegen, wenn man es lässt.
Bild oben: Die Moderatoren Julia Siegel und Helmer Litzke.
Anita Pospieschil
Foto: © Helmer Litzke
• RTL Radio
Luxemburg Werbefilm auf RTLplus