das attat hospital in äthiopien


Die Power der Nächstenliebe           Charity-Page

Kleines Chaos, sehr viel Krankheit und unglaublich herzliche Menschen...

Ein sonniger Donnerstagmorgen. Die Blätter der Birke vor dem Haus glitzern im Rhythmus des Windes. Kleine helle Blitze reflektieren die warmen Strahlen aufs Fenster. Ich arbeite am PC und höre dabei Radio. „What a wonderful World“ singt Louis Armstrong mit seinem rauen, herb-männlichen und doch so einfühlsam-sanften Timbre. „Es ist viertel nach Elf durch und mit genau so ruhiger Musik machen wir weiter“ lässt die Moderatorin mit ihrem entspannten Lächeln in der Stimme das gerade verklungene Lied nachwirken. „Hier kommt Ronan Keating mit einem richtig schönen Hit: ‚If to morrow never comes’...“ Für einen Moment höre ich auf zu tippen, lehne mich zurück und lasse die Gedanken spielen. Was für eine wunderbare Welt ... und was für ein schöner Tag! Dann schmettert Glen Campbell sein „Rhinestone cowboy“ auf die Antenne und ich konzentriere mich wieder auf den Text am Bildschirm.

Plötzlich wird es still. „Die Power der Nächstenliebe“ höre ich die Moderatorin sagen, und ihren Worten folgen ganz andere Töne. Im Takt der ernsten Instrumentalmusik ein dumpfer Herzschlag... Sie spricht von Afrika, dem großen unbekannten Kontinent und einem der ärmsten Länder der Welt: Äthiopien. Von Kindern, die an Durchfall oder Unterernährung sterben, von harmlosen Krankheiten, die tödlich enden, weil es auf dem Land oft keine Medizin gibt, von Elend und Armut, die am stärksten Frauen und Kinder trifft, und von einem Krankenhaus, das für viele die letzte Hoffnung und auch die letzte Rettung ist. Schwärmt von den missionsärztlichen Schwestern, den tollen Mädels, die alles geben und sich dabei selbst nicht schonen. Ist hin und her gerissen zwischen "Oh, mein Gott, wie furchtbar" und andererseits baff, von dem was die da leisten und schon geleistet haben, was das Krankenhaus alles bewegt vom Brunnenbau bis zur Aufklärung über Hygiene, AIDS-Vorsorge, Geburtenregelung und Ernährung. "Wenn es das nicht mehr geben würde, das wäre für die Menschen eine absolute, riesengroße Katastrophe..."

Für einen Moment bin ich schockiert, verstimmt und irgendwie angespannt. Die eben noch so wunderbare Welt ist gestört. Was hab ich mit Afrika zu tun? Sind die täglichen Beinah-Weltuntergänge, Krisen, Sorgen und Probleme nicht schon schlimm genug? Warum helfen die sich nicht selbst? Mir wird doch auch nichts geschenkt. Ebbe im Kühlschrank... Ebbe im Geldbeutel... Minus auf dem Konto... Was geht mich das an? Doch irgend etwas hindert mich daran, den  Lautsprecher abzuschalten. Der Moderatorin geht das Erlebte wirklich nahe. Das fühlt man, auch wenn sie sich professionell unter Kontrolle hat und nicht in Tränen ausbricht. Der Sender hat sie dort hin geschickt, damit sie den Hörern berichten kann wie es ist - das Leben in einer anderen Zeitrechnung. Wo man nicht mal schnell per SMS eine Pizza bestellen, mit dem Handy ein Taxi rufen oder in der Not die 110 wählen kann. Kein Arzt und keine Apotheke im Ort ist, kein Supermarkt um die Ecke. Kein Telefon, kein Internet, kein Radio. Ich greife nach der Flasche Wasser auf dem Tisch. Unvorstellbar jetzt mit einem Kanister drei Kilometer zum nächsten Brunnen laufen zu müssen, um eine Tasse Kaffee kochen zu können. Ich spüre einen Kloß im Hals während sie weiter redet...

"Es hat nichts mit Reportagen im Fernsehen zu tun, die man so kennt. Wenn man alles riecht, erlebt und fühlt, das ist was ganz anderes. Das ist die ungeschminkte Wahrheit. Ich weiß nicht, ob Sie schon mal ein unterernährtes Kind gesehen haben. Wohl eher nicht. Ich vorher auch nicht. Ich hab ein Baby gesehen, drei Wochen alt, das war nicht nur dünn, da war wirklich nur Haut und Knochen dran. Ganz kleine dünne Fingerchen, und ein Gesicht, da kamen die Knochen richtig raus. Wenn man selber Mutter ist von einem knapp Zehnjährigen, da kommen einem fast die Tränen. Es ist ganz schlimm sowas in Natura zu sehen. Ich hatte auch das Gefühl, dass dieses Baby zu schwach zum Schreien ist. Und ob es überlebt hat, ich weiß es nicht..." Die Moderatorin ringt nach Worten, während sie die Bilder beschreibt, die ihr nicht aus dem Kopf gehen. Erleichtert schiebt sie den Regler runter und lässt wieder Musik abfahren.