Völlig neue
Technik: RTL Baden-Württemberg
Anfang
1990 gründete der Luxemburger Privatsender "Radio Tele Luxemburg"
(RTL) zusammen mit der Bürgerradio-Gruppe die
Produktionsgesellschaft "RTL Baden-Württemberg GmbH & Co. KG". Bei
RTL Baden-Württemberg in der Stuttgarter Heusteigstraße 44 werden
insgesamt sechs verschiedene Programme produziert. Zwei für die
Regionalsender Geislingen und Mühlacker, zwei für die Lokalstationen
Göppingen und Reutlingen - und zwei Mantelprogramme.
Bis auf einige Stunden täglich, an
denen lokale bzw. regionale Angelegenheiten ausgestrahlt werden,
übernehmen die vier genannten Stationen das eigene Mantelprogramm.
Während das AC-Mantelprogramm bereits seit drei Jahren sendet, läuft
das - inzwischen sehr erfolgreiche - Oldie-Mantelprogramm erst seit
November vergangenen Jahres [1992]. Das AC-Mantelprogramm bietet
Musik aus den Sechzigern, Siebzigern, Achzigern und von heute.
Die Abkürzung "AC" steht für Adult
Contemporary und verspricht ein melodiebetontes Hitprogramm, das
sich an die 15- bis 30-jährigen Hörer wendet. Typische Interpreten
sind: Elton John, Beatles, Rod Stewart, Simply Red, Genesis oder die
Bee Gees. Der Anteil an deutschen Titeln liegt bei knapp 15 Prozent
und setzt sich aus Interpreten wie Matthias Reim, Münchner Freiheit
oder Udo Lindenberg zusammen. Das AC-Programm bietet neben
ausführlichen Nachrichtensendungen um 7.00, 12.00 und 17.00 Uhr auch
einen größeren Wortanteil als das Oldieprogramm. Ein wichtiger
Bestandteil sind kleine humoristische Einlagen, die den Musikfluss
auflockern.
Im Oldie-Format hingegen spielt RTL Baden-Württemberg ausschließlich
Hits aus den Jahren 1955 bis 1975, wobei der Schwerpunkt bei den
Sechzigern liegt. Das Programm wird im Stil der 90er Jahre
präsentiert und spricht die Hörer über 35 Jahre an. Laut RTL-Angaben
begeistern sich auch viele junge Hörer für den Oldiesender, bei dem
ein positives Lebensgefühl im Vordergrund steht. Typische
Interpreten sind: Simon & Garfunkel, Elvis Presley oder die Everly
Brothers. Deutsche Titel werden so gut wie nicht gespielt, da in
dieser Epoche der Zeit in Deutschland überwiegend der Schlager
regierte.
Außer den stündlichen Nachrichten gibt es pro Stunde ein bis zwei
musikbezogene Beiträge. Ansonsten hält man sich aber mit
Wortbeiträgen sehr zurück. Immer mehr Stationen übernehmen bzw.
interessieren sich für das einzige europäische Oldieprogramm. Dazu
zählen, neben Sendern aus Deutschland, auch Hörfunkstationen aus
Luxemburg, Schweiz, Südtirol und Belgien. Damit ein homogenes
Musikprogramm entsteht, werden die Musiklaufpläne zentral von RTL in
Stuttgart erarbeitet und dann an die Abnehmersender weitergeleitet.
Offiziell sendet das RTL-Network seit dem 1. September 1990, doch
inoffiziell ist man schon wesentlich länger "on air". Ende Juli 1990
ging bereits das AC-Mantelprogramm auf Sendung. Lokal- und
Regionalprogramme produziert man schon seit geraumer Zeit. Die
Lizenzinhaber der Regionalsender Geislingen (Dinckelacker,
Stuttgart) und Mühlacker (Kriegbaum, Böblingen) sowie die der
Lokalsender Göppingen und Reutlingen (beide afk, Stuttgart)
operierten schon seit Sommer 1988 gemeinsam mit der
Bürgerradio-Studio GmbH unter der Bezeichnung "Bürgerradio".
Das Prinzip der Privatfunker ist einfach: RTL
Baden-Württemberg stellt einen (AC- bzw. Oldie-) Mantel her, der von
Lokalstationen übernommen werden kann. Die Tochterstation behält
hierbei ihre eigene Senderkennung. Im besten Falle merkt der Zuhörer
also gar nicht, dass er das Networkprogramm hört und nicht seinen
Lokalsender. Diese "Täuschung" geschieht durch einen Trick. Um die
lokale Identifikation so perfekt wie möglich auch in den
Rahmenprogrammstunden zu gewährleisten, arbeitet man bei RTL mit
einer für Europa völlig neuen technischen Struktur.
Eine Sendestunde des RTL-Networks läuft nach einem ganz bestimmten
Schema ab, in das eine festgelegte Anzahl von "Stop-Sets" integriert
sind. Bei diesen Stop-Sets fahren - ausgelöst durch den
"Mantelmoderator" via unhörbarer digitaler Satellitensignale - in
den Lokalstationen die Cartmaschinen mit den vorbereiteten Bändern,
wie: Jingles, lokale Werbung oder Hinweistrailer ab. Mit diesem
Stop-Set-Verfahren produziert man bei RTL in Stuttgart ein
durchgängig moderiertes 24-Stunden-Programm. Da jede einzelne Stunde
in sich abgeschlossen ist, haben die Abnehmerstationen jeweils zur
vollen Stunde die Möglichkeit auf das Rahmenprogramm umzuschalten.
Die Einspeisung des Programms ist für die angeschlossenen Stationen
kostenlos. Mitgeliefert werden allerdings auch maximal zweieinhalb
Minuten nationaler Werbung pro Stunde, deren Erlös rein in die
Tasche von RTL fließt.
Neben den eigenen RTL-Sendern übernehmen diverse Stationen vor allem
in Baden-Württemberg (Radio BB Sindelfingen, Radio ES, Radio
FR1,...) aber auch in Bayern und Nordrhein-Westfalen (zum Beispiel
Antenne AC) das Networkprogramm. Andere baden-württembergische
Lokal- und Regionalsender nehmen nur die vier Minuten langen
Newssendungen ab. Die stündlichen Nachrichten kommen allerdings
nicht aus dem Funkhaus in Stuttgart, sondern werden von der
100-prozentigen RTL-Tochter NSR (Nachrichten und Sport Radioservice
GmbH) in Bonn gestaltet. Die Nachrichten werden rund um die Uhr
produziert und live via Satellit an RTL Baden-Württemberg
überspielt.
Genauso wie das Vollprogramm erhalten die NSR-Nachrichten - bei
denen konsequent Korrespondenten und/oder Augenzeugenberichte
eingesetzt werden, um ein hohes Maß an Authentizität zu erreichen -
keine Stationskennung. RTL Baden-Württemberg versteht sich als "European
Network", das Rahmenprogramme europaweit an deutschsprachige Sender
liefert.Andreas Kramer
[RTL Baden-Württemberg und das Rahmenprogramm wurden 1994
eingestellt]
Aus RADIOJournal
7/1993
Geschäftsführer John Mönninghoff
Der Technische Leiter Horst-Mischael
Lutsch, der für die ambitionierte und neue Technik des RTL Networks
verantwortlich zeichnet.
Die Produktionsstudios können auch als
Selbstfahrerstudios eingesetzt werden
(im Bild Paulo Ferreira).
Geschäftsführer John Mönning-hoff
(2.v.links) mit seinen Programmleitern Rainer Eichhorn (1.v.links)
und Dr. Klaus-Dieter Langenstein (3.v.links) sowie Chefmoderator
Tobias Geißner.
Fotos: © RTL
- Das
Prinzip der Privat-funker ist einfach: RTL
Baden-Württemberg stellt einen (AC- bzw. Oldie-) Mantel
her, der von Lokalstationen über-nommen werden kann. Die
Tochterstation behält hierbei ihre eigene Senderkennung.
Im besten Falle merkt der Zuhörer also gar nicht, dass
er das Network-programm hört und nicht seinen
Lokalsender. Diese "Täuschung" geschieht durch einen
Trick. Um die lokale Identifikation so perfekt wie
möglich auch in den Rahmenpro-grammstunden zu
gewährleisten, arbeitet man bei RTL mit einer für Europa
völlig neuen technischen Struktur.
|