Interviews
mit Radioleuten und Radiomachern

»Ich wünsche mir mehr Mut zur Lücke«
Berlins "Nachtpilot" Christoph Stölzl
über Sendung, Rundfunkerlebnisse
und Rückblicke

Immer wenn montags kurz nach 21.00 Uhr der „Pilot of the Airwaves” von Charly Dore auf den Frequenzen von Hundert,6 erklang, war der Berliner „Nachtpilot” Christoph Stölzl in seinem Element. Die nachfolgenden zwei Stunden stellten eine Besonderheit im deutschen Radio dar: In ausführlichen Monologen oder Dialogen mit den Hörern machte sich Prof. Dr. Christoph Stölzl, der nach seiner Tätigkeit als Direktor des Deutschen Historischen Museums, als Feuilleton-Chef bei DER WELT auch Berliner Kultursenator war, mit vielfältigsten Themen und Gesichtspunkten zu Aktuellem, Vergessenem oder Kuriosem vertraut. Stefan Förster sprach 2001 mit Christoph Stölzl, der ihm viel über seine Sendung und von seinen Radioerlebnissen erzählte. [Das Programm von Hundert,6 wurde am 31. Januar 2006 eingestellt. Damit endete die fast 20-jährige Geschichte des 1987 gestarteten ersten Privatradios in Berlin. Auf der Frequenz 100,6 sendet heute MotorFM.]

Herr Stölzl, wie sind Sie zu Ihrer eigenen Radiosendung gekommen? Und was macht diese inhaltlich aus?

Wie vieles im Leben begann auch dieses Projekt mit einem schieren Zufall. Bei der Eröffnungsfeier des Berliner Hotels Adlon 1997 kam ich zu später Stunde dorthin und traf an einem fast leeren Tisch auf den Hundert,6-Chef Georg Gafron, den ich allerdings eher flüchtig kannte. Das war gerade die Zeit, als Hundert,6 vom Musik- zum Informationssender umgebaut wurde und ich hab so ein bisschen rumgeblödelt und gesagt „Herr Gafron, es war schon mein Teenagertraum, nachts im Radio zu sitzen und meine Platten aufzulegen“ und Gafron sagte, „Ja - das machen wir.“ „Aber nur mit einem fürstlichen Gehalt“ schob ich noch flachsend nach und das war eigentlich mehr leichtfertiges Gerede als dass ich wirklich davon ausgegangen bin, dass daraus etwas Konkretes werden könnte. Zwei Tage später rief mich Georg Gafron an und sagte mir, dass er gerade auf einer Pressekonferenz verkündet hätte, dass ich zukünftig bei Hundert,6 meine eigene Sendung moderieren würde. Ich sagte ihm noch „Herr Gafron, das können Sie doch jetzt nicht machen, wir haben da doch nur im Spaß drüber geredet“ doch er bat mich, ihn nicht hängen zu lassen, denn am nächsten Freitag sollte es losgehen. Wir hatten dann nichts außer den Sendetermin. Ich wusste weder, was ich für eine Sendung machen sollte, noch wie ich zwei Stunden Programm in der Kürze der Zeit gefüllt bekommen würde. Geschweige denn hatten wir einen Titel für die Sendung oder vorproduzierte Trailer. 

Und so habe ich dann binnen vier Tagen etwas erfunden, was in fernen Anklängen den Hörerfahrungen meiner Jugend Rechnung trug. Damals gab es beim Bayerischen Rundfunk den großartigen Rudolf Mühlfenzl, der als „Rufus Mücke“ eine Sendung gemacht hat, die hieß »Aus dem Papierkorb der Weltpresse«, wo er kuriose Meldungen sammelte, die er mit alten Schlagern der 20er Jahre verbunden hatte. Jedenfalls habe ich versucht, in Anlehnung an diese Sendung meine eigene zu erfinden, der ich den Namen „Stölzls Wochenschlau“ gab.

Die Idee die da zu Grunde lag war allerdings völlig unmöglich, was ich schnell nach einigen Wochen kapiert hatte: Für die zwei Stunden Programm brauchte man etwa 16 verschiedene originelle Themen, über die es sich zu reden lohnen würde. Der Aufwand diese Meldungen zu besorgen war natürlich immens, ohne eigene Redaktion war das gar nicht zu bewältigen. Ich sehe mich noch heute abends im Bett inmitten von Zeitungsbergen sitzen, mit der Schere in der Hand, und nach den entsprechenden Meldungen fahnden, zu denen als Pointe hintendran ja auch noch das passende Lied gehörte. Nach einem halben Jahr Erprobungszeit sind Georg Gafron und ich dann zu dem Schluss gekommen, dass es in dieser Form nicht geht. Wir haben dann darüber nachgedacht, wie wir die Sendung verändern können. Der feste Sendeplatz entstand dann am Montag - ein guter Tag, denn da ist das Wochenende überdacht worden und die Wochenmagazine gerade frisch erschienen. Und dann wollten wir ein Thema nehmen und auch die Hörer dazuschalten. Die Sendung hieß zuerst „Hier Stölzl - wer da?“. 

Ich hatte immer einen anderen Titel-Traum und das hing mit diesem heutigen Titelsong am Beginn jeder Sendung zusammen, von dem ich damals nur wusste, dass er existiert, aber nicht wusste, wie er heißt. Ich hatte mal beim Auto fahren in Berlin Anfang der neunziger Jahre diesen „Pilot of the Airwaves“ gehört und wusste, dass es ein Country-Rock-Stück gibt, das davon handelt, dass ein Mädchen dem DiskJockey einen Brief schreibt und darüber nachdenkt, wie er wohl aussieht und dass die beiden ein Nachtgespräch führen und nicht zueinander kommen. Ich habe diesen Song nicht gefunden, obwohl wir durch alle Computer gesucht hatten und ich wusste dann auch, warum wir ihn so schwer finden konnten, weil Charly Dore nur diesen einzigen Hit jemals gelandet hat. 

Als wir den Song gefunden hatten war Hundert,6 dann auch dazu bereit, die Sendung in »Berliner Nachtpilot« umzutaufen, was für mich ein sehr schönes Bild ist. Die Idee also, dass man durch Berlin, über Berlin fliegt, in die Fenster hineinschaut, sich zu den Hörerinnen und Hörern auf die Couch setzt und sagt „Jetzt lass’ uns mal plaudern miteinander“ - diese ganze Intimität, die Hörfunk ja geben kann, im Gegensatz zum Fernsehen, weil die Fantasie so eine große Rolle spielt. 

Wie sind Sie mit der Resonanz ihrer bisherigen Sendungen zufrieden?

Ich glaube, der „Berliner Nachtpilot“ hat sich bewährt. Sowohl die Sendungen, die viele Anrufe haben, vor allem natürlich bei aktuellen Themen wie den Geschehnissen rund um den 11. September, wo man selbst kaum etwas sagen muss, als auch die Sendungen, wo man sich wünschte, dass die Hörer anriefen und sie tun es nicht. Das hat aber gar nichts damit zu tun, dass sie nicht zuhören. Ich hab’ dann hinterher oft viel persönliche Resonanz und Post, wo ich dann frage, warum sie denn nicht angerufen haben und es dann heißt, dass es viel schöner ist mir zuzuhören und meinen Gedankengängen zu lauschen, als selbst noch in die Sendung einzugreifen. 

Die Sendung ist wohl im deutschen Hörfunk ein einzigartiges Format, wo wirklich frei gesprochen wird - immer mit dem Wagnis des im Moment frei erfundenen Wortes. Das kann manchmal schief gehen und man ist traurig, dass einem das passende Wort gerade fehlt, was vorher noch dunkel im Kopf war. Aber wenn es gelingt, ist es natürlich viel besser, als der vorformulierte Satz, den man abliest. Es ist Kommunikationsfunk, mündliche Rede, es ist die Einheit von dem Augenblick, wo etwas geschieht und dem Menschen, der sich etwas ausdenkt. 

Im Laufe der Zeit bin ich im Sender auch an schwierigen Tagen, wie Totensonntag, Karfreitag und Weihnachten eingesprungen, wo es um Religion, um letzte Dinge, um Lebenshilfemöglichkeiten geht, wo man einsamen oder sehbehinderten Hörern mit dem, was man sagt auch helfen kann. Ich bin wirklich froh, dass ich das machen darf. Es ist ja kein Lebensberuf sondern ein Ausflug in ein benachbartes Medium. Viele Hörer erzählen mir auch, dass ihnen dieses „versuchsballonartige“ Sprechen über ein bestimmtes Thema besser gefällt als diese polternde Selbstgewissheit, die die Medien normalerweise haben - die brutale Abruptheit der Agenturmeldungen oder die Besserwisserei des kurzen Kommentars. 

Mir gefällt an der Sendung die Länge, die absolut luxeriös ist. Ich glaube es gibt sonst niemanden, der einfach tun und lassen kann, was er will, durch keine Redaktionslinie festgelegt, durch nichts beschnitten, es gibt auch keine Tabuthemen. Wenn ich die Themen durchschaue, kommt eine interessante Mischung von „Wie halt ich’s mit dem Regen aus“ über „Homosexuelle Heirat“ und „Wieviel Lyrik braucht der Mensch“ bis hin zu „Goethe und die Popmusik“ oder „Einsam in Berlin“ zur Urlaubszeit zu Stande.

Viele Leute haben sehr gern die zwei Stunden zum Nachdenken, weil es eine gewisse ungeschützte Präsentation zum Nachdenken eines Individuums und seiner Gedanken ist - etwas was man fast nicht mehr bekommt in den Medien. Ich bin ja kein ausgebildeter Sprecher und mit meiner ruhigen, nachdenklichen Art und dem langsamen Sprechtempo auch eine Ausnahme in der doch sehr hektischen Medienwelt.

Zu den Gesprächen gehört beim Nachtpiloten auch immer die zu den Themen passende Musik. Nach welchen Kriterien suchen Sie die aus?

Ich hab' eine lange Jazz-, Rock- und Popvergangenheit. In Münchner Jazzbands fing ich damals als Jüngster an, Banjo zu spielen und hatte aber vorher schon generationstypisch bei den Pfadfindern Gitarre spielen gelernt und später auch Jazz-, Folk- und Rockmusik gemacht. Vor allem die amerikanisch beeinflussten Musikrichtungen haben mich immer sehr interessiert und fasziniert und so habe ich mir auch ein recht radiotaugliches Wissen angeeignet.

Und die Musikbreite geht bei mir von Stücken der zwanziger Jahre und der großen Zeit der deutschen Unterhaltungsmusik, wo die Deutschen auch international mitgemischt haben über amerikanische Popmusik ins Ernstere hinein. Alles was Song ist, wo Musik und Text sich zu einem Kunstwerk verbinden, da bin ich dabei. Stücke, über die es sich lohnt zu reden. Nicht das, was heute in Computerstudios als Disco-Animation gemacht wird. Ich mag es nicht so gern und es passt auch nicht in den Charakter der Sendung hinein. Manchmal passen auch - gerade an den Feiertagen - ein paar verträgliche klassische Stücke dazu.

Ihre persönliche Affinität zum Radio ist anschaulich deutlich geworden. Welche prägenden Erinnerungen haben Sie an den Rundfunk der vergangenen Jahrzehnte?

Ich bin ein Kind der Radiozeit - Jahrgang 1944 - wo die ersten Kindererfahrungen das Zuhören bei den Radiosendungen der Erwachsenen waren, wo man vieles auch gar nicht verstanden hat. Erinnern kann ich mich zum Beispiel noch an die sichtbare amerikanische Besatzungszeit und an die Mitteilung im Radio "ohne Gewähr", wo ich natürlich immer dachte, dass da jemand eine Knarre (eben ein Gewehr) dabei hat.

Ich bin ein Kind des Bayerischen Rundfunks, in doppeltem Sinne. Zum einen baute meine Mutter dort als junge Autorin den Frauenfunk, der heute Familienfunk heißt, mit auf, zum anderen waren die Sendungen des BR, die das demokratische Verständnis nach dem Krieg fördern sollten, auch inhaltlich immer so etwas wie Leuchttürme. An die Formate kann ich mich noch sehr gut erinnern.

Da gab es Samstag Abend eine Sendung die hieß »Die weiß-blaue Drehorgel«, das war so eine bunt-gemischte Unterhaltungssendung. Ich habe einen Rundfunkjournalisten noch sehr genau in Erinnerung, der glaube ich in der Rundfunkgeschichte immer wieder auftaucht: Fritz Benscher. In Bayern hat er die erste Autofahrersendung gemacht. Aufgrund des geringen Motorisierungsgrades hieß die Sendung damals noch »Für Autofahrer und solche die es werden wollen«. Der Fritz Benscher hatte auch noch Beziehungen zur Radiokultur der Weimarer Republik, wo er wohl eher eine politische Rolle gespielt hat. Dann fällt mir eben der schon vorhin erwähnte Rudolf Mühlfenzl alias "Rufus Mücke" ein und die ganz tiefe Stimme des Chefkommentators des Bayerischen Rundfunks, Walter von Cube. Später dann in den fünfziger, eher sechziger Jahren, etwas, das für den »Nachtpiloten« auch Pate gestanden hat, eine Sendung am Samstag Vormittag von 11.00 bis 13.00 Uhr mit Kurt Seeberger »Kreuz und Quer zum Wochenende«. Er hatte auch ein Thema und die Musik dazu als Pointen gesucht. Eine moralisierende, nachdenkliche Sendung, ohne Themen auszuklammern und ohne parteipolitische Schlagseite.

Dass ich Platten auflege, hat auch noch einen anderen Grund. Mein älterer Freund, Walther von LaRoche, war im Bayerischen Rundfunk ein junger Mann, der 1958 - lange vor Gottschalk - die erste richtige Disk Jockey-Plattensendung gemacht hat. Die hieß »Teenager-Party«, lief ein oder zwei Jahre und wurde dann damals abgesetzt, weil sie wohl zu progressiv gewesen ist. Eines Tages besuchte ich ihn und als derjenige von uns, der sich noch intensiver mit aktueller Musik beschäftigt hat, gab ich ihm noch einige Hinweise, welche Songs er denn spielen sollte. Das sind prägende Erinnerungen ans Radio, das ich eigentlich immer spannender fand als Fernsehen, das ja im Grunde nur bebildertes Radio ist, das aber nicht die Sorgfältigkeit der Behandlung des Akustischen hat, wie es das Radio gewährleisten kann.

Stefan Förster

Aus RADIOJournal 12/2001 



• Prof. Dr. Christoph Stölzl ist heute Honororprofessor am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. Er wurde zum 1. Dezember 1999 zum Leiter des Feuilleton und stellvertretenden Chefredakteur der Tageszeitung DIE WELT berufen. Seit 1987 war er als Generaldirektor und Professor des Deutschen Historischen Museums in Berlin tätig, und von 2000 bis 2001 Berliner Wissenschaftssenator.
Seit 2002 ist er freiberuflicher Publizist. 2004 führt er abwechselnd mit Michael Naumann als Fernsehmoderator durch die Sendung »Im Palais« beim Rundfunk Berlin-Brandenburg (rbb). Im Wintersemester 2001/2002 übernahm er einen Lehrauftrag an der Hochschule für Musik "Hans Eisler" Berlin, seit dem Wintersemester 2004/2005
ist er Honorarprofessor am Institut für Kultur- und Medienmanagement der Freien Universität Berlin. Von Oktober 2006 bis Dezember 2007 ist Christoph Stölzl als Geschäftsführer in der Villa Grisebach Auktionen GmbH, Berlin tätig gewesen. Ab Januar 2008 hat er in der Freiberger Holding Führungsverantwortung im Bereich Unternehmenskommunikation und bei der Projektentwicklung am "Forum Museumsinsel" in der Mitte Berlins übernommen. Zudem übernimmt er die Geschäftsführung der Ernst Freiberger-Stifung. Die Freiberger Holding ist ein Familienunternehmen mit Sitz
in Amerang im Chiemgau, das
in den Geschäftsfeldern Immobilien/Hotels, Gesundheit und Beteiligungen aktiv ist.


www.freiberger-stiftung.de

www.ikm.fu-berlin.de